Von Gerstengebot bis Weizenbräuhaus: Nürnbergs traditionsreiches Brauhandwerk

Nürnberg und das Bier - eine lange, traditionsreiche Geschichte. Im ersten Teil unserer Serie geht es um wichtige Eckdaten der Brauhistorie in der Noris.


Das Gerstengebot

1303: Über 200 Jahre vor dem bayerischen Reinheitsgebot (1516) legen die Nürnberger Stadtväter in einem Nachtrag zur „Bierbrauerordnung“ fest, welches Getreide zum Brauen verwendet werden darf. „Man schol auch kein ander chorn (hier: Getreide) preuwen, denne gersten alein, weder haber noch chorn (hier: Roggen) noch dinkel noch waitze…“ Im Vordergrund steht dabei allerdings nicht der Verbraucherschutz. Man will verhindern, dass auch die wertvolleren Getreidesorten, die vor allem zum Brotbacken benötigt werden, in Sudkesseln landen.

Die Deputation

1489: Ende des 15. Jahrhunderts ist das Brauen streng reguliert. Selbst in den privaten Betrieben stehen die Knechte und Braumeister im Dienst der Stadt. Darüber hinaus sind die Rezepturen, die Brautechnik und auch die Preisgestaltung von Amts wegen geregelt.

Ein Bild aus den 1880er Jahren: Die frühere Reif'sche Brauerei in der Lorenzer Straße, gegenüber der Stadtsparkasse. 

© Ferdinand Schmidt/Stadtarchiv Nürnberg - Signatur A 47 Nr. KS-45-8

Zuständig ist eine eigene „Deputation“, eine Abordnung des Rates. Die Brauer müssen jährlich einen Eid schwören, die Vorschriften einzuhalten. Und die Fässer dürfen nur von reichsstädtischen Beamten angezapft werden.

Das Realrecht

1579: Lange kann jeder Nürnberger so viel Bier brauen wie er will – sofern er sich an die städtischen Vorgaben hält. In den Familien ist das oft Frauenarbeit. Dann führt man auch aus Gründen des Feuerschutzes das „Realrecht“ ein, das an bestimmte Häuser gebunden ist.

42 Braustätten gab es im 16. Jahrhundert in Nürnberg. Im Hintergrund symbolisieren hier die Flammen die heißen Prozesse bei der Bierherstellung.

© Stadtarchiv Nürnberg, NN

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts gibt es in der Stadt 42 offizielle Braustätten. Damals hat Nürnberg etwa 40000 Einwohner. Wegen der wichtigen Einnahmen über die Getränkesteuer, ist es dem Rat ein Dorn im Auge, wenn die Bürger auswärtiges Bier trinken oder außerhalb der Stadtmauern einkehren.

Der Peinlein

1627: In diesem Jahr wird letztmals eine öffentlichkeitswirksame Strafaktion durchgeführt. Bier darf erst nach vier Lagertagen ausgeschenkt werden. Ein von der Stadt bestellter „Bierkieser“ wacht über die Lagerzeit und weitere Qualitätskriterien. Wenn jemand beim Panschen erwischt wird, kommt der „Peinlein“, ein Gehilfe des Henkers und karrt die betroffenen Fässer zur Pegnitz, um die Brüh unter den Augen der johlenden Bürgerschaft in den Fluss zu kippen.

Das Weizenbräuhaus

1672: In der Karl-Grillenberger-Straße 3 residieren heute Anwälte und andere Dienstleister. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wirbt ein großer Elektronikhändler um Kunden. Vor bald 350 Jahren nimmt hier das städtische Weizenbräuhaus seinen Betrieb auf.

Eine Radierung zeigt das Städtischen Weizenbräuhaus, in der heutigen Karl-Grillenberger-Straße.

© Stadtarchiv Nürnberg, StadtAN E13/II Nr. 116., NN

Schon zuvor, als noch im Heilig-Geist-Spital, gebraut wird, hat Nürnberg die Einfuhr von Weizenbier verboten. Mit dem Monopol soll an neuer, moderner Produktionsstätte noch mehr Geld ins Stadtsäckel fließen. Dennoch wird die Finanznot immer größer. Bereits 1717 soll das Weizenbräuhaus erstmals verkauft werden, was aber nicht glückt. Als die fränkische Reichsstadt an Bayern fällt, wird aus dem städtischen ein „Königliches Bräuhaus“. Damals gibt es in Nürnberg noch 21 Rotbier- und weitere elf Weißbierbrauereien. 1855 ersteht die freiherrliche Familie Tucher von Simmelsdorf für 118000 Gulden das Gebäude, in dem inzwischen auch Braunbier aus den Kesseln rinnt. Es gilt als Wiege der Tucher Bräu.

Die Industrialisierung

1851: Als erste Nürnberger Brauerei setzt die Lederer-Brauerei Dampfmaschinen in der Produktion ein. Seit einiger Zeit kaufen große Unternehmen die kleinen Handwerksbetriebe in der Stadt auf. Doch der Gesamtausstoß steigt. 1880 versenden die Nürnberger mehr Bier als alle anderen Städte in Bayern, insgesamt 173000 Hektoliter. Inzwischen hat die Firma Linde die künstliche Kühlung erfunden.

Marktführer in Nürnberg sind Henniger, Tucher, Zeltner und die Reif’sche Brauerei, die auch in Berlin, Hamburg und Leipzig ihr berühmtes „Siechenbier“ verkauft. Gleichzeitig ist der Niedergang der Markenvielfalt unaufhaltsam. Allein zwischen 1865 und 1925 sinkt die Zahl der Braustätten in Nürnberg von 24 auf fünf.

Der Bierkrawall

1866: Der Bierpreis steigt, von 5 auf 6 Kreuzer pro Maß. Einige findige Wirte machen im Wiederverkauf gleich 7 Kreuzer daraus, das ist den Soldaten des 1. Chevauxlégers-Regiments entschieden zu viel. Sie fachen am 1. Mai in der „Deutschen Flotte“ am Jakobsplatz einen Protest an, der rasch auf andere Wirtshäuser überspringt. Während des folgenden „Bier-Krawalls“ werden 22 Personen verhaftet, ein 76-Jähriger wird tödlich verletzt.

Nach wenigen Tagen wird die Preiserhöhung zurückgenommen. Vor allem am Anfang des 19. Jahrhunderts verfügt Nürnberg übrigens über eine fünfmal höhere Wirtshausdichte als München.

Quelle: Stadtarchiv Nürnberg, „Bier in Nürnberg“; Autoren: Michael Diefenbacher, Horst-Dieter Beyerstedt, Walter Bauernfeind, Walter Gebhardt, Jasmin Kambach, Thomas Dütsch

Kurt Heidingsfelder

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