Vollbild

In meiner Umgebung

Fürther Traditionsbrauerei Evora wagt den Neustart

Ursprung des Braubetriebs lag in Branntwein- und Spirituosenbrennerei

FÜRTH/BAMBERG/BREITENGÜSSBACH - Christan Klemenz und Vincent Bartl von der Bierothek Fürth haben sich ein ehrgeiziges Projekt auf die Fahnen geschrieben: Die Wiederbelebung der ehemaligen Brauerei Evora & Meyer, kurz Evora genannt.


Gutes Bier muss verkostet werden: Christian Klemenz (links), Jörg Binkert (Mitte) und Vincent Bartl (rechts) beim Zwickeln im Lagerkeller.
Gutes Bier muss verkostet werden: Christian Klemenz (links), Jörg Binkert (Mitte) und Vincent Bartl (rechts) beim Zwickeln im Lagerkeller. © Markus Raupach

Die meiste Zeit ihrer Existenz von 1873 bis 1921 rangierte der Familienbetrieb auf Rang drei der Fürther Brauereien – hinter Humbser und Grüner. Bierothek-Gründer Klemenz und Brauer Bartl haben nun das erste Lichte Exportbier nach der alten Evora-Rezeptur eingebraut. Alt und neu, kurz und lang, Leidenschaft und Tradition – es lassen sich viele Begriffspaare finden, die die alte neue Geschichte des Evora-Projektes beschreiben.

Alt und lang, das ist prinzipiell die Geschichte der Brauerei Evora und Meyer. Der Ursprung des Braubetriebs lag in einer seit 1841 bestehenden Branntwein- und Spirituosenbrennerei, die 1873 von zwei Bierbrauern übernommen wurde. Die wandelten die Brennerei in eine Brauerei um – und gingen kurz darauf pleite. Grund für zwei Zimmermeister, Wilhelm Evora und Johann Jakob Meyer, in die Bresche zu springen und den Laden am 3. Januar 1878 den Kaufpreis von 83.300 Reichsmark zu übernehmen. Evora war wenige Jahre zuvor als Teilhaber in das Baugeschäft Meyers eingestiegen, und sie hatten große Erfolge. So war es auch mit der gemeinsamen Brauerei.

Fürths modernste Brauerei

Anfangs nur mit einer Jahresproduktion von etwa 1.500 Hektolitern und beengten Platzverhältnissen, beschlossen die beiden Bier-Entrepreneurs schon nach drei Jahren den kompletten Neubau. Sie kauften benachbarte Grundstücke an der Erlanger Straße und ließen zwischen 1882 und 1890 die damals modernste Brauerei in Fürth entstehen. Der Bierabsatz stieg schnell auf über 20.000 Hektoliter pro Jahr an.

Ein nicht geringer Teil davon floss dabei durch die Kehlen der Besucher des riesigen Evora-Kellers an der Rückseite der Brauerei. Über 6000 Gäste suchten hier im Sommer regelmäßig Entspannung und ein gutes Bier. 1890 gründeten Evora und Meyer eine Außenstelle in Berlin, wo das Fürther Bier in hohem Ruf stand und weiter nach Nord- und Westdeutschland verkauft wurde.

Um die Jahrhundertwende hatte die Brauerei 70 Mitarbeiter, aus dem Jahr 1912 ist ein Fuhrpark von vier Maultieren, 32 Pferden und einem motorgetriebenen Lastwagen überliefert. Kriegswirren und beginnende Inflation zwangen die Nachkommen der beiden Gründer schließlich 1921 zum Verkauf an das Nürnberger Brauhaus (heute Tucher), das noch bis 1941 Evora-Bier herstellen ließ.

Entschlossener Youngster

Neu und kurz hingegen ist die Geschichte von Vincent Bartl, der die Idee zur Wiederbelebung von Evora hatte. Schon sein Opa "infizierte" ihn mit dem Bier-Gen, als er dafür sorgte, dass auf dem Bierkeller statt der bestellten Apfelschorle immer ein Schluck Bier im Krügla landete. Kein Wunder also, dass der heute 23-Jährige schließlich den Brauer-Beruf anstrebte und nach einem Praktikum in der Forchheimer Brauerei Greif bei Tucher in Nürnberg in die Lehre ging.

Zuhause richtete sich Bartl eine kleine Hobbybrauerei mit 3 Litern Ausschlagmenge ein, auf der dann allerlei Biere entstanden. Im Tucher-Labor für gut befunden, waren die Mini-Sude immer schnell im Kollegen- und Freundeskreis ausgetrunken.

Eine Bierothek für Fürth

Nach der Lehre stand zuerst die Idee einer eigenen Brauerei in der Hofer Gegend im Raum, parallel hatte Bartl aber auch das Bierothek-Konzept von Christian Klemenz kennengelernt. Ausgehend von der Zentrale in Bamberg hatte Klemenz seit 2013 ein Netz von innovativen Bierläden aufgebaut, darunter auch ein Geschäft in Fürth. Dort startete Vincent Bartl im November 2016 als Storemanager.

Beim ersten Bilanzgespräch im Januar kamen Klemenz, Bartl und ihre Fürther Belegschaft auf eine Idee: Die Fürther Kunden fragten regelmäßig nach handwerklich gebrauten, regionalen Bieren. Doch die sind aktuell in Fürth noch Mangelware. Also kam Bartl auf die Idee, das zu seiner Zeit sehr beliebte Evora-Bier nachzubrauen. In einem 50-Liter-Kochtopf startete er die Versuchssude, während Klemenz sich um die Marke kümmerte. Beides klappte, und so brauchten die beiden nur noch eine Brauerei.

Evora mit Bamberger Knowhow

Hier kommen Leidenschaft und Tradition ins Spiel. Denn mit seiner Brauerei Mainseidla in Breitengüßbach bei Bamberg hat sich Braumeister Jörg Binkert seit 2012 einen Namen gemacht. Im Hauptberuf Leiter der Forschungs- und Entwicklungsabteilung des ältesten Brauereianlagenherstellers der Welt, Kaspar Schulz in Bamberg, baute er sich "nebenbei" eine hochmoderne Kleinbrauerei auf, die neben eigenem Bier auch viele Biere für kleine und große Brauereien in der ganzen Welt herstellt.

Zum Portfolio gehören Sude für die Berliner "Szene" genauso die Entwicklung der Craft-Bier-Line der Bayreuther Maisel-Brauerei. Klemenz und Binkert hatten sich bei einer Biersommelier-Veranstaltung kennengelernt, und so war der Breitengüßbacher auch die erste Wahl bei der Suche nach der Evora-Brauerei. 

Das Lichte Exportbier

Bei der Rezeptentwicklung konnten sich Bartl und Binkert einerseits auf alte Unterlagen stützen, andererseits zeigte auch schon die Evora-Werbung klar, was für Bier in der modernen Brauerei ab 1882 entstand: Lichtes und Dunkles Exportbier. Mit "licht" ist nicht "leicht", sondern "hell" gemeint, und Exportbier stand damals für Bier, das speziell für den Export über die Grenzen der Heimatregion (ca. 50 Kilometer Umkreis) gebraut wurde.

Dafür verwendeten die Brauer eine kräftigere Malzmischung, wodurch der Gerstensaft etwas stärker vom Alkoholgehalt und damit besser haltbar wurde. Am Brautag nutzten Binkert und Bartl ein altes Brauverfahren, die so genannte Dekoktion, bei der ein Teil der Maische abgetrennt, zum Kochen gebracht und dem Rest wieder zugegeben wird. Auf diese Weise konnte man seit Beginn der professionellen Bierherstellung im Mittelalter auch größere Mengen Bier nach und nach erhitzen, ohne den gesamten Kessel unter Feuer setzen zu müssen.

So mancher Brauer in Franken schwört heute noch auf dieses Verfahren, das zudem ein eigenes Aromaprofil im Bier hinterlässt. Für Bittere, Haltbarkeit und Aroma kamen bei dem neuen Evora-Bier zwei spezielle Aromahopfen zum Einsatz: East Kent Goldings, der auch im 19. Jahrhundert benutzte "König des englischen Hopfens", mit dem Bartl die erdigen und würzigen Noten des Bieres unterstreichen will, und der ganz neu gezüchtete Ariana-Hopfen, der neben seinen leichten Zitrusnoten mit den Aromen von roten Beeren eine Brücke zu den Malzaromen schlagen soll.

Anstich am 4. Mai

Wer den guten Tropfen nun probieren möchte, sollte am 4. Mai zum offiziellen Evora-Anstich zur Fürther Bierothek in der Gustav-Schickedanz-Straße 8 kommen. Neben dem frischen Fassbier gibt es das Evora dann künftig auch in der Flasche. Und wenn es den Fürthern schmeckt, wollen Klemenz und Bartl erst das Dunkle Exportbier wiederaufleben lassen und dann vielleicht auch wieder eine Braustätte in Fürth errichten. 

Markus Raupach

Zur Normalansicht

Seite drucken